„Kameraden, machts Platz, jetzt kommt eine Extratour!“, heißt es in einem Stück des österreichischen Dramatikers Johann Nestroy. Was 1834 im Alt-Wiener Volkstheater zu hören war, kann im Frühsommer 2010, nicht nur in Wien, noch einmal ausgerufen werden: Mit BAP zieht es eine der erfolgreichsten deutschen Rockbands ins benachbarte Ausland, in die Schweiz, nach Luxemburg und nach Österreich. Eine „Extratour“ in einer Zeit des Dazwischen – nach der ausgiebigen Tournee zum Nr.1-Album „Radio Pandora“, die im September 2009 vor dem Kölner Dom zu Ende ging, und vor dem Beginn der Arbeit an einer neuen Platte.
Nach den Konzerten im deutschsprachigen Ausland werden BAP am 29. Mai 2010 wieder zurück sein im Heimathafen. Schon Kurt Tucholsky wusste: „Jede Extratour hat einen Schluss“, und BAP werden ihn mit einem Auftritt auf der Bonner Museumsmeile gebührend feiern. Das BAP-Konzert in Bonn wird nicht nur das letzte der „Extratour“, sondern auch das einzige in Deutschland im Jahr 2010 sein.
Schon vor einigen Jahren notierte BAP-Chef Wolfgang Niedecken in sein Tour-Tagebuch: „Es ist tatsächlich immer etwas ganz besonderes, unter diesem Zeltdach zwischen der Bundeskunsthalle und dem Kunstmuseum unser dreistündiges Fast-Heimspiel zu bestreiten.“ Ein „Fast-Heimspiel“ nicht nur aufgrund der geographischen Nähe zu Köln. Ein „Fast-Heimspiel“ auch, weil jeder Auftritt in Bonn Erinnerungen weckt an frühere, an Szenen dieses Roadmovies namens BAP, das vor über drei Jahrzehnten unter Ausschluss der Öffentlichkeit seinen Anfang nahm und längst alle damals vorstellbaren Dimensionen gesprengt hat. Einstellung für Einstellung eine „Rock’n’Roll Fantasy“ (Ray Davies). Und immer wieder ist der Schauplatz Bonn: Räucherstäbchen und Kifferposter im Bad Godesberger Hippieschuppen „Underground“ bei Niedeckens ersten Auftritten mit seiner Schülerband in den 60er Jahren. Ein bitterkalter Soundcheck-Nachmittag in den ungeheizten „Rheinterrassen“ im Dezember 1980 – warm würde es am Abend noch genug werden bei einem jener frühen, von unbändigem Willen und Kompromisslosigkeit geprägten „Baby, jetz jeht et aff“-BAP-Gigs vor ausverkauftem Haus. Das Konzert zusammen mit Joseph Beuys am 10. Juni 1982 auf den Bonn-Beueler Rheinwiesen vor 300.000 Nachrüstungsgegnern, die sich alle nicht mehr mit einplanen lassen wollten. Auftritte im Café Populaire, in der Biskuithalle, im Römerbad und, bei „Rhein in Flammen“ vor 100.000 Besuchern in der Rheinaue. Und selbst der erste BAP-Proberaum lag näher bei Bonn als bei Köln, nämlich an der Autobahn 555, genauer: in einem Wiegehäuschen des Kalksandsteinwerks Hersel.
Der BAP-Song „Für ’ne Moment“ ruft die Erinnerung an diesen Proberaum noch einmal auf. An das Jahr 1976 und eine, von Wolfgang Niedecken und dem Bonner (sic!) Gitarristen Hans Heres gegründete, noch namenlose Band „zwischen Kippen und leeren Flaschen, ohne jede Illusion“, die eigene Musik einmal aus einem Radio hören oder von einer Bühne aus spielen zu können. Und doch war das, was diese Band von allen anderen unterscheiden sollte, schon deutlich zu vernehmen: „Ich höre eine merkwürdige Sprache, total egal, wie man sie nennt, irgendwie schien sie zu passen zu der merkwürdigen Band“.
Das ist fast fünfunddreißig Jahre her. Nur kurze Zeit später wurden die auf Kölsch verfassten BAP-Songs ge-hört, mitgesungen und durchlebt von Fans nicht nur im Umkreis von Köln, sondern in ganz Deutschland, in der Schweiz, in Österreich und Luxemburg. An diesem Erfolg hat sich, selbst in zunehmend dia-lektfeindlicheren Zeiten, nichts geändert. Auch das bislang letzte BAP-Album „Radio Pandora“ erreichte wieder Platz eins der Verkaufshitparade.
Und noch immer bringt Niedecken in seinen Texten das Kölsch zum Funkeln, zum Nachdenken und zum Erzählen, eröffnet ihm eine vorher ungekannte thematische Vielfalt und literarische Qualität.
Zum insgesamt siebten Mal seit 1997 treten BAP auf der Bonner Museumsmeile auf, kein Act hat diesen Ort häufiger bespielt. Gleich nebenan, in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, hin-terließ Wolfgang Niedecken bei einer Retrospektive seiner Arbeiten 2004 auch als bildender Künstler „Spuren“. Am 29. Mai 2010, bei einem weiteren „Fast-Heimspiel“, ist der Besucher eingeladen, sich einzulassen auf eine intensive musikalische Erfahrung, die alle längst legendären Live-Qualitäten der Band enthält: Spielfreude, Interaktion mit dem Publikum, Euphorie und eine epische Konzertlänge von mindestens drei Stunden. Unterstützt wird die Band dabei von der Geigerin Anne de Wolff (Calexico, Rosenstolz). Beim „Affrocke“ auf der Museumsmeile werden die großen Hits nicht zu kurz kommen, jedoch wird durch das BAP-typische stete Verändern des Programms auch für Überraschungen gesorgt sein.
Eine Rock’n’Roll-Party unter freiem Himmel, an einem Samstagabend im Frühsommer – Erinnerungsreise, Gegenwartsfeier und Vorausblick zugleich. Unmittelbar danach werden sich die Musiker zurückziehen, um neues Material zu erarbeiten. Und eben auch darum gehen BAP auf „Extratour“: Nicht nur um eine eingespielte Einheit zu bleiben, sondern auch und vor allem, um diejenigen noch einmal zu sehen, für die dann die neuen Songs geschrieben und aufgenommen werden.
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